Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt dominiert. Und während Deutschland darüber diskutiert, was das politisch bedeutet, hat das Ergebnis bei mir eine wesentlich persönlichere Frage ausgelöst:
Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, Europa zu verlassen?
Das klingt dramatisch. Ist es wahrscheinlich auch.
Noch sitze ich in Wien, gehe arbeiten, trinke Kaffee und rege mich über Dinge auf, die objektiv betrachtet ziemlich weit unten auf der Liste globaler Probleme stehen. Trotzdem hat sich bei mir etwas verschoben.
Die Frage ist für mich nicht mehr: Wird es schlimmer? Sondern eher: Wie viel schlimmer wird es und wie schnell?
Das betrübt mich. Noch spüre ich diese Angst merkwürdig weit weg. So, als würde sie in einem anderen Zimmer sitzen und ich wüsste, dass sie da ist, aber wir reden gerade nicht miteinander.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich auch hier etwas verändert. Die Stimmung wird härter. Extreme prallen aufeinander und jede Seite ist überzeugt, dass die andere nicht nur falschliegt, sondern das eigentliche Problem ist.
Vor Kurzem sagte jemand zu mir sinngemäß: Wenn die Menschen nur etwas Distanz gewinnen könnten, würden irgendwann wieder die rationalen Argumente durchdringen.
Klang vernünftig.
Dann musste ich an mein Wirtschaftsstudium denken.
Dort lernt man irgendwann den Homo oeconomicus kennen. Dieses wunderbare theoretische Wesen, das vollkommen rational entscheidet und sich von Gefühlen möglichst nicht belästigen lässt.
Leider existiert es nicht.
Menschen kaufen Autos, die sie nicht brauchen. Schuhe, die wehtun. Aktien, weil irgendein Typ im Internet gesagt hat, sie würden durch die Decke gehen.
Und trotzdem tun wir bei Politik manchmal so, als würden Menschen dort plötzlich zu nüchternen Excel-Tabellen mit Wahlrecht.
Tun sie natürlich nicht.
Politik ist Angst. Hoffnung. Wut. Zugehörigkeit. Kränkung. Identität.
Und genau das macht mir Sorgen.
Denn wenn sich genug Angst und Wut aufstauen, verschwinden sie nicht einfach, nur weil jemand einen guten Faktencheck veröffentlicht.
Mein Kopf beginnt in solchen Momenten relativ schnell, Katastrophenszenarien zu produzieren. Wie weit kann das gehen? Was müsste passieren, damit sich die Stimmung wieder dreht? Braucht es irgendwann eine Krise, die alles andere überlagert?
Ich kenne die Antwort darauf nicht, aber zum Glück läuft grad die Apple Keynote.
Für ungefähr eine Stunde bestand mein größtes Problem darin, herauszufinden, ob ich ein faltbares iPhone brauche.
Brauche ich nicht.
Will ich es?
Andere Frage.
Während irgendwo Regierungen wackeln, Kriege geführt werden und Wahlergebnisse Angst machen, kann man sich erstaunlich intensiv damit beschäftigen, ob ein Handy gleichzeitig auch als Tablet funktionieren kann.
Ist das Verdrängung?
Natürlich.
Aber vielleicht braucht man manchmal ein bisschen davon.
Ich kann die Welt nicht im Alleingang beruhigen. Ich kann Nachrichten lesen, wählen gehen, diskutieren und versuchen, nicht völlig abzustumpfen. Aber irgendwann muss ich auch noch mein eigenes Leben leben.
Und wenn alles nichts hilft, versuche ich wenigstens, darin selbst für ein bisschen gute Stimmung zu sorgen. An manchen Tagen beginnt das erstaunlich früh.
Es gibt diese Morgen, an denen ich schon beim Aufstehen weiß: Das wird heute nichts. Der Kalender ist voll, die Nachrichtenlage mies und mein Nervenkostüm hat beschlossen, Homeoffice zu machen.
An solchen Tagen denke ich gelegentlich gegen acht Uhr morgens:
Jetzt einen Drink.
Und manchmal mache ich mir tatsächlich einen. Alkoholfrei, bevor hier jemand interveniert. Schönes Glas. Viel Eis. Zitrone. Einmal professionell shaken.
Und das Verrückte ist: Es funktioniert bei mir.
Mein Gehirn hat offenbar beschlossen, dass es uns gut geht. Placebo reicht mir. Vielleicht ist das momentan ohnehin meine Strategie für die Welt.
Ich kann nicht kontrollieren, wie Europa in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Und ich weiß auch nicht, ob irgendwann tatsächlich der Moment kommt, an dem ich mir ernsthaft überlegen muss, woanders hinzugehen.
Bis dahin versuche ich, aufmerksam zu bleiben, ohne jeden Tag an der Weltlage zu verzweifeln. Und wenn das an manchen Morgen bedeutet, dass ich um acht Uhr einen alkoholfreien Gin Tonic aus einem viel zu schönen Glas trinke, dann sei es so.
Cheers.
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